Der schwarze Engel und das Licht

Veröffentlicht am 18. Juni 2026 um 14:40

Über das Leben und das Sterben

Ich sitze zusammen mit einem alten, mir sehr vertrauten Freund auf einem Felsvorsprung unter einem kleinen Baum. Seine Krone spendet uns Schatten im grellen Sonnenlicht.

Ganz entspannt lehnen wir mit dem Rücken am Baumstamm. Mein Freund kritzelt mit seinem Stöckchen, das er immer bei sich trägt, irgendwelche Zeichen in den feinen Sand auf dem Boden.
Mein Blick schweift über die karge Landschaft. Es sieht aus wie eine Wüste. Ohne es zu sehen, weiß ich, dass dort unten überall Leben ist, und würde ich es wollen, könnte ich mit allem, was da ist, in Verbindung treten.

In der Ferne taucht ein Reiter auf. Ich fühle, dass er erschöpft ist und Hilfe braucht.
Doch er ist zu weit weg und ich zu hoch oben.

Ich schließe meine Augen und mein Herz wird ganz weit. Dadurch wird der Abstand zwischen dem Reiter und mir immer kleiner, obwohl ich mich nicht von meinem Platz bewege.

Könnte man es mit den Augen sehen, sähe dies in etwa so aus, als würde sich von meinem Herzen aus ein glitzernder Lichtstrahl in Richtung des Reiters bewegen.
Der Lichtstrahl besteht aus Abertausenden von kleinen tanzenden Lichtfunken.

Das Pferd nimmt die Energie, die sich durch das Licht verändert, wahr und wird langsamer. Der Reiter ist zu erschöpft, um sich dessen bewusst zu werden.
Er bemerkt auch nicht, wie er eingehüllt wird von glitzernder Lichtenergie.

Das Pferd hingegen ist sich meiner »Anwesenheit« sehr bewusst.

Nun geschieht etwas fast Magisches. Mein Herzenslicht hüllt den Reiter ein und nimmt ihn in sich auf. Ich nehme wahr, wie verkrampft seine Schultern sind und dass er eine große Angst in sich trägt.
Seine Beine mögen ihn kaum mehr aufrecht auf dem Pferd halten, da sie sich ganz leer anfühlen.
Er hat sich verirrt, die Sonne brennt unermüdlich, sein Mund ist schon ganz ausgetrocknet und seine Lebenskräfte drohen ihn zu verlassen.

Die Lichtfunken breiten sich fließend und tanzend in seinem ganzen Körper aus. Sie finden mit Leichtigkeit ihren Weg bis tief hinein in jede Zelle.

Ich halte lediglich die Verbindung aufrecht. Das Licht fließt von alleine.

Aufrecht halten, wahrnehmen … Zeit ist nicht wichtig…
In mir herrscht eine tiefe Ruhe und ich nehme die Schönheit und die Vollkommenheit der Seele dieses Reiters wahr. Egal, wie schlecht es gerade seinem Körper geht – die Seele ist vollkommen in ihrer ganzen Schönheit.

Das Pferd ist stehen geblieben und der Reiter gleitet schon halb im Delirium zu Boden.

Und jetzt nehme ich ein anderes Licht wahr … und mit ihm kommt der schwarze Engel …

Oh, wie töricht von mir! Ich dachte doch wirklich, durch meine Verbindung würde dieser Mann »gerettet« werden …
Jetzt weiß ich, wozu die Verbindung zustande kam. Es ermöglichte dem Reiter, ruhig und friedvoll zu werden. Dadurch konnte sich sein Seelenlicht vom Körper zurückziehen/ablösen und gleichzeitig wurde es zusammengehalten.

Jetzt zeigt sich mir auch sein Schutzengel in einem tiefen Blau. Er war immer an seiner Seite, doch für mich nicht wichtig und deshalb auch nicht sichtbar. Das hätte mich wahrscheinlich nur abgelenkt …

Mein Herzenslicht zieht sich nun zurück. Dies geschieht ganz von alleine.
Wahrnehmen, akzeptieren, loslassen …

Die Engel stehen da in ihrer strahlenden Pracht.
Der schwarze strahlt Ruhe und Geduld aus. Er hält sich in der Nähe der Lichtsäule auf, die nun immer stärker zu strahlen beginnt.
Nicht fordernd – einfach nur wartend …

Der blaue strahlt Fürsorge aus und ist ganz nahe beim Reiter und »reicht dessen Seelenlicht die Hand«. Dieses löst sich nun aus dem Körper in den schützenden blauen Umhang des Engels.

Alles ist gut – alles ist friedvoll …

Der Körper ist nicht mehr wichtig … Nur noch eine Hülle … zurückgelassen im Sand …

Der schwarze Engel zeigt ihnen den Weg, nimmt sie mit in die Lichtsäule und alles löst sich auf …
Entschwindet aus meiner Wahrnehmung.

Ich bleibe zurück und werde durchströmt von tiefer Demut – Frieden breitet sich in mir aus.

Ich weiß, dass es nicht darauf ankommt, wo dieser Moment der Ablösung stattfindet.

Ob es ist, wie hier in der Wüste oder in einem Krankenbett oder wo auch immer …

Wenn die Zeit gekommen ist, erscheint der schwarze Engel in seiner wunderschönen Pracht, strahlt Ruhe aus und wartet. Nicht fordernd … Geduldig – denn unsere Zeitrechnung kennt er nicht.

Ob das Seelenlicht die Hand seines Schutzengels ergreift und mit ihm zusammen dem schwarzen Engel ins Licht folgt …?

Nicht immer merkt das Seelenlicht, dass es nicht mehr mit dem Körper verbunden ist … Dann können wir ihm in Liebe und voller Vertrauen den Weg weisen…
Mein Herz öffnet sich erneut, und meine Aufmerksamkeit fließt zum Pferd hin, das noch immer neben seinem leblosen Reiter steht. Auch es ist durstig und müde. Doch seine Zeit ist noch nicht gekommen.
Bei ihm bringt mein Herzenslicht Regeneration und Kraft. Und jetzt darf ich ihm auch Bilder übermitteln, wo es Wasser und Schutz finden wird, um sich und seinen Körper auszuruhen.

Es bäumt sich auf, wiehert in meine Richtung und einen kurzen Moment ist es, als ob sich unsere Seelen bewusst begegnen …
Dann galoppiert es davon!

Ich spüre wieder den Baumstamm an meinem Rücken und werde mir bewusst, wo ich mich befinde.
Tief berührt und voller Freude wende ich mich meinem Freund zu, um ihm zu erzählen, was ich gerade erlebt habe …
Doch ich bin allein an diesem Ort …Mein Freund und Begleiter war nicht mehr länger vonnöten, um mir diese Bilder zu zeigen…

Ich bin darüber nicht traurig, denn ich weiß, dass er im Geiste immer bei mir ist als mein Begleiter und Führer. Mir wird ganz warm ums Herz, denn ich sehe gerade vor meinem inneren Auge, wie er in sich hineinkichert und sein kleines Stöckchen schwingt.

🌟🌟🌟🌟🌟🌟🌟🌟🌟🌟

Ich durfte schon oft feststellen, dass bei sterbenden Menschen nebst den anderen Begleitern wie z.B. der Schutzengel auch ein schwarzer Engel anwesend ist. Er hält sich meist im Hintergrund und wartet. Nicht fordernd, nicht drängend … Er ist einfach da. Wenn die Seele sich dann aus dem Körper gelöst hat, wird sie von ihren Begleitern in Empfang genommen. Der schwarze Engel nimmt sie dann mit ins Licht.

 

Diese Geschichte ist aus meinem Buch »Seelenflüstern von Herz zu Herz«


Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.